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SBTi Corporate Net-Zero Standard V2.0: Das ändert sich für Unternehmen

  • Autorenbild: Vincent Erasmy
    Vincent Erasmy
  • 6. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Vincent Erasmy, Carbon Competence Lead bei First Climate, über die wichtigsten Neuerungen und was diese für Unternehmen bedeuten


© AGORA Images | stock.adobe.com


Mit Version 2.0 des Corporate Net-Zero Standard hat die Science Based Targets initiative (SBTi) die bedeutendste Weiterentwicklung des Standards seit seiner Einführung im Jahr 2021 veröffentlicht. Stand bei den bisherigen Versionen des Standards insbesondere die Definition ambitionierter Klimaziele im Fokus, tritt mit dem Update jetzt auch deren konkrete Umsetzung deutlich stärker in den Vordergrund. Wie sich Unternehmen jetzt konkret auf die neuen Anforderungen der SBTi vorbereiten können, erfahren Sie hier.


Von der Zielsetzung zur Umsetzung

Die Veröffentlichung des Corporate Net-Zero Standard V2.0 markiert einen Wendepunkt. Während der ursprüngliche Standard wesentlich dazu beitrug, wissenschaftsbasierte Klimaziele in unternehmerischen Klimastrategien zu verankern, zeigte sich in der Praxis, dass die Umsetzung in der Praxis für viele Unternehmen eine Herausforderung darstellte: Besonders häufig betraf dies die Reduktion von Scope-3-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, die Entwicklung belastbarer Transitionspläne und den Umgang mit Residual-Emissionen. Immer wieder wurde in diesem Zusammenhang auch die Rolle von CO2-Zertifikaten und Carbon Removals als Bausteine glaubwürdiger Net-Zero-Strategien intensiv diskutiert.


Mit Version 2.0 reagiert die SBTi auf genau diese Herausforderungen. Das Ergebnis: Weg von einem primär auf Zielsetzung ausgerichteten Framework, hin zu einem stärker umsetzungsorientierten Standard.


Doch was genau ändert sich mit SBTi V2.0?


Einführung des Ongoing Emissions Responsibility (OER)-Frameworks

Eine der wichtigsten Neuerungen ist das Ongoing Emissions Responsibility (OER)-Framework, das im Corporate Net Zero Standard V2.0 definiert wird. Im Rahmen dieses neuen SBTi-Anerkennungsprogramms können Unternehmen künftig sichtbar machen, dass sie zusätzlich zu ihren Reduktionszielen Verantwortung für die Klimawirkung ihrer laufenden Emissionen übernehmen – etwa durch die Finanzierung hochwertiger verifizierter Klimaschutzmaßnahmen wie Carbon-Removal-Projekte. Konkret bedeutet dies, dass Unternehmen ihre fortbestehenden Emissionen systematisch erfassen und einen Plan aufstellen müssen, wie sie konkret damit umgehen möchten. Außerdem müssen die Qualität und Wirkung der umgesetzten Maßnahmen dokumentiert werden. Ab 2035 macht das OER-Framework außerdem die Finanzierung qualifizierter Carbon Removal-Projekte für größere Unternehmen und mittelgroße Unternehmen in Hochlohnländern schrittweise zur Pflicht.


Paradigmenwechsel beim Umgang mit CO2-Zertifikaten und Carbon Removals

Mit dem OER schafft die SBTi erstmals einen strukturierten offiziellen Rahmen, in dem CO2-Zertifikate inkl. Carbon Removals ausdrücklich als legitime, ergänzende Bausteine einer glaubwürdigen, SBTi-konformen Net-Zero-Strategie anerkannt werden können. Diese Beiträge ergänzen die Umsetzung wissenschaftsbasierter Reduktionsziele, werden aber getrennt vom Emissionsinventar und vom Fortschritt bei der Zielerreichung ausgewiesen.

Die wichtigste Botschaft:


Für Unternehmen bleiben Emissionsreduktionen weiterhin die oberste Priorität. Allerdings unterstreicht SBTi 2.0, dass die freiwillige Klimafinanzierung bereits auf dem Weg zu Net Zero eine strategisch relevante Ergänzung ambitionierter Emissionsreduktionsstrategien ist.

Carbon Removals werden ab 2035 schrittweise verpflichtend

Ab dem Jahr 2035 sieht der Standard für bestimmte größere Unternehmen erstmals schrittweise Anforderungen zur Finanzierung hochwertiger Carbon Removal Projekte vor. Damit sendet die SBTi ein klares Marktsignal: Carbon Removals werden zu einem festen Bestandteil langfristiger Net-Zero-Strategien. Unternehmen sollten daher frühzeitig damit beginnen, sich mit Beschaffungsstrategien, Qualitätssicherung, Budgetplanung und dem Aufbau eines geeigneten Portfolios zu beschäftigen – insbesondere mit Blick auf künftige Preis- und Verfügbarkeitsrisiken bei hochwertigen Removals.


Verbindlichere Anforderungen an Net-Zero Transition Plans

Während in der Vergangenheit häufig vor allem Klimaziele im Mittelpunkt standen, rücken Umsetzungsstrategien, sogenannte Transition Plans, künftig stärker in den Fokus. Insbesondere größere Unternehmen (Kategorie A) müssen künftig in einem zeitgebundenen Transition Plan konkreter darlegen, mit welchen Maßnahmen und Zeitplänen sie ihre Ziele umsetzen wollen, welche Annahmen und externen Abhängigkeiten bestehen und wie Verantwortlichkeiten und Governance geregelt sind. Transition Plans entwickeln sich damit zunehmend zum zentralen Steuerungsinstrument einer wirksamen Klimastrategie. Für kleinere und mittlere Unternehmen (Kategorie B) bleibt die Offenlegung eines Transition Plans optional.


Scope 3 rückt stärker in den Fokus

Unternehmen müssen künftig systematischer prüfen, welche wesentlichen Emissionsquellen entlang ihrer Wertschöpfungskette durch ihre Scope-3-Ziele abgedeckt werden müssen.

Nach dem neuen Standard sollen dabei insbesondere alle Emissionsquellen berücksichtigt werden, die jeweils mehr als fünf Prozent der gesamten Scope-3-Emissionen ausmachen. Für Unternehmen bedeutet dies einen stärkeren Fokus auf Datenqualität, Lieferantenmanagement und der Entwicklung konkreter Reduktionsmaßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.


Erweiterte Nutzung von Marktinstrumenten

Darüber hinaus führt die SBTi eine Umsetzungshierarchie für Dekarbonisierungsmaßnahmen ein. Vorrang haben weiterhin Maßnahmen, die Emissionen unmittelbar in den eigenen Aktivitäten und Wertschöpfungsketten reduzieren. Unter definierten Voraussetzungen können jedoch auch Marktinstrumente wie Strom-Herkunftsnachweise (z.B. I-RECS), Biomethan-Zertifikate oder andere einen Beitrag zur Zielerreichung leisten. Für deren Qualität, Zuordnung, Bilanzierung und Nachweisführung gelten dabei klare Anforderungen.


Was bedeuten diese Änderungen konkret für Unternehmen?

Das Wichtigste vorweg: SBTi V2.0 bedeutet nicht, dass Unternehmen mit bestehenden Zielen ihre Klimastrategien vollständig neu ausrichten müssen. Emissionsreduktionen bleiben die zentrale Voraussetzung für eine glaubwürdige und SBTi-konforme Net-Zero-Strategie.


Für viele Unternehmen wird die zentrale Aufgabe in den nächsten Monaten vielmehr darin bestehen, ihre Klimastrategien systematisch auf mögliche Lücken zu überprüfen und stärker auf die Umsetzung ihrer Klimaziele auszurichten. Denn Governance und Fortschrittsmessung gewinnen an Bedeutung.

Der konkrete Handlungsbedarf hängt dabei stark vom Einzelfall ab. Entscheidend sind insbesondere der Status der SBTi-Ziele (validiert oder geplant), das Scope-3-Profil und die verfügbare Datenqualität. Auch der bisherige Einsatz von CO₂-Zertifikaten und anderen Market Instruments sowie der Reifegrad von Transition Plan, Net-Zero-Roadmap und langfristiger Carbon-Removal-Strategie sollten überprüft werden.


Was kommt als Nächstes?

Obwohl der neue Standard bereits veröffentlicht wurde, stehen noch nicht alle Detailregelungen fest. Bis Ende 2026 will die SBTi unter anderem finale Zielsetzungsmethoden und Pfade, zusätzliche Interpretation Guidance sowie vorläufige Leitlinien zur Bilanzierung und Berichterstattung marktbasierter Instrumente veröffentlichen. Auch ein erster Anerkennungsrahmen für Instrumente innerhalb des OER-Programms ist für das vierte Quartal 2026 vorgesehen.


Ab dem 1. Februar 2027 können Unternehmen Ziele nach Version 2.0 zur Validierung einreichen. Bis zum 31. Januar 2028 stehen Version 1.3.1 und Version 2.0 parallel zur Verfügung; anschließend wird Version 2.0 für neue Einreichungen verpflichtend. Bereits validierte Ziele bleiben grundsätzlich während ihres bestehenden Zielzyklus gültig. Das freiwillige OER-Anerkennungsprogramm soll ab 2027 auch Unternehmen mit bereits bestehenden SBTi-Zielen offenstehen.


Eine konkrete SBTi-Guidance zu Claims und Kommunikation wird ebenfalls für 2027 erwartet. Bis dahin sollten Unternehmen weiterhin klar zwischen tatsächlichen Emissionsreduktionen, freiwilligen OER-Beiträgen, den dazugehörigen Contribution Claims und der Neutralisierung von Restemissionen im Net-Zero-Zieljahr unterscheiden. Wir werden die weiteren Entwicklungen bei der SBTi in den kommenden Monaten aufmerksam für Sie verfolgen.


Frühzeitige Vorbereitung lohnt sich

Statt abzuwarten, empfiehlt es sich für Unternehmen, die Zeit bis zur Veröffentlichung weiterer Guidance-Dokumente durch die SBTi zur Vorbereitung zu nutzen. Denn eine proaktive Auseinandersetzung mit den neuen Anforderungen schafft die Grundlage für eine effiziente Umsetzung und stärkt zugleich die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Investoren, Kunden und regulatorische Anforderungen verlangen zunehmend belastbare Nachweise für glaubwürdige Klimastrategien. SBTi V2.0 liefert hierfür einen neuen, praxisorientierten Orientierungsrahmen. Auch wenn sich für die meisten Unternehmen kurzfristig keine unmittelbaren Änderungen an bestehenden SBTi-Zielen ergeben, bietet SBTi V2.0 einen guten Anlass, bestehende Klimastrategien und Klimaziele zu überprüfen und frühzeitig auf die neuen Anforderungen auszurichten.


Wir bei First Climate können Ihr Unternehmen dabei unterstützen, mögliche Auswirkungen des neuen Standards auf Ihre Klimastrategie einzuordnen, bestehende Lücken und potenzielle Handlungsfelder zu identifizieren und daraus eine pragmatische Roadmap für die nächsten Schritte abzuleiten.


Bereiten Sie Ihr Unternehmen gezielt auf SBTi 2.0 vor.

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Was ist der Corporate Net-Zero Standard?

Der Corporate Net-Zero Standard der Science Based Targets initiative (SBTi) legt fest, wie Unternehmen ihre Klimaziele und Net-Zero-Strategien gestalten müssen, um mit den wissenschaftlichen Anforderungen des Pariser Klimaabkommens im Einklang zu stehen und ihre Fortschritte glaubwürdig nachweisen zu können.


Der ursprüngliche Corporate Net-Zero Standard wurde 2021 veröffentlicht und entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum weltweit wichtigsten Rahmenwerk für wissenschaftsbasierte Klimaziele. Mittlerweile haben Tausende Unternehmen weltweit Science-Based Targets verabschiedet oder sich dazu verpflichtet, entsprechende Ziele festzulegen. Bislang haben sich weltweit rund 13.900 Unternehmen Ziele gesetzt oder entsprechende Verpflichtungen abgegeben; mehr als 11.500 Unternehmen verfügen bereits über validierte wissenschaftsbasierte Ziele.

https://sciencebasedtargets.org/target-dashboard


Über den Autor:


Vincent Erasmy ist Carbon Competence Lead bei First Climate. Er unterstützt Unternehmen auf der ganzen Welt bei ihren Klimaschutzbemühungen, indem er die neuesten Erkenntnisse rund um Klimaschutzstandards, Marktinformationen und regulatorische Anforderungen in praktisch anwendbare Strategien umsetzt. Bei First Climate leitet Vincent dynamische Projekte und Trainings, die das Fachwissen zum Thema Klimaschutz intern und darüber hinaus fördern. Bei seiner Arbeit an der Schnittstelle von Innovation, Markt und Nachhaltigkeit legt Vincent den Fokus darauf, messbare Ergebnisse zu erzielen.

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