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Die Debatte um SBTi und Scope 3

Position von Mike Hatert, COO First Climate


Die Science Based Targets-Initiative (SBTi) hat vergangene Woche eine Erklärung veröffentlicht, in der sie für Juli 2024 neue Richtlinien für die Nutzung von zertifikate-basierten Instrumenten zur Reduktion von Scope 3-Emissionen ankündigt. Bei der SBTi handelt es sich um ein Gremium, dessen Leitlinien Unternehmen bei der Festlegung von Emissionsminderungs-Zielen im Einklang mit den internationalen Klimazielen und neusten Erkenntnissen der Klimaforschung unterstützt. Obwohl die SBTi nicht definiert, welche Rolle CO2-Zertifikate in ihrem Konzept des unternehmerischen Klimaschutzes spielen, löste ihre Erklärung dennoch eine Debatte darüber aus.


Mike Hatert, COO der First Climate Markets AG, mit seiner Meinung zum Thema.


Ice melting, SBTi scope 3 carbon credits
© Alexander - stock.adobe.com

Hintergrund

Es ist wichtig, dass Unternehmen klare Richtlinien darüber haben, wie sie ihre Scope 3-Emissionen auf dem Weg zu einem Netto-Null-Zustand reduzieren können. Als die SBTi vergangene Woche eine Erklärung zur „Verwendung von zertifikate-basierten Instrumenten für die Reduzierung von Scope 3-Emissionen, einschließlich, aber nicht beschränkt auf freiwillige CO2-Märkte“ veröffentlichte, war die Klimabranche in heller Aufregung.


Ein Teil der Erklärung lautet wie folgt (aus dem Englischen übersetzt):


„Obgleich die SBTi sich der anhaltenden Debatte zu diesem Thema sehr bewusst ist, ist sie der Ansicht, dass die Verwendung von zertifikate-basierten Instrumenten zur Reduktion von Scope 3-Emissionen ein zusätzliches Instrument zur Bekämpfung des Klimawandels sein kann, wenn sie durch Leitlinien, Standards und Verfahren gestützt wird, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen.“


Die SBTi befindet sich noch in der Entscheidungsfindung zu der konkreten Ausgestaltung der Leitlinien. Klar ist jedoch, dass zertifikate-basierte Instrumente, und voraussichtlich auch CO2-Zertifikate, unter bestimmten Bedingungen und in Übereinstimmung mit den SBTi-Anforderungen als ergänzendes Instrument auf dem Weg zu einer Netto-Nullbilanz in Betracht gezogen werden.


Die Problematik von Scope 3


Scope 3-Emissionen können in der Regel nur sehr begrenzt reduziert werden, da sie sich der direkten Kontrolle eines Unternehmens entziehen. Angesichts der heutzutage verfügbaren Dekarbonisierungs-Instrumente ist es für viele engagierte Unternehmen nach wie vor äußerst schwierig, ihre kurzfristigen Scope 3-Ziele zu erreichen, ohne zertifikate-basierte Instrumente und CO2-Zertifikate als zusätzliche Instrumente zu nutzen. Umweltdaten aus der freiwilligen Klima-Berichterstattung zeigen, dass es für Unternehmen in der Tat eine Herausforderung ist, ihre Scope 3-Ziele zu erreichen: CDP fand heraus, dass es sich bei 92 % der von europäischen Unternehmen im Jahr 2022 bekannt gegebenen Emissionen um Scope 3-Emissionen handelte, aber lediglich 37 % davon mit den heutigen Dekarbonisierungs-Maßnahmen begegnet wurde.


Allein in diesem Jahr wurden mehr als 300 Unternehmen, die sich im Rahmen der SBTi verpflichtet hatten, von der SBTi-Liste gestrichen, weil sie insbesondere aufgrund von Hindernissen bei ihren Scope-3-Zielen nicht in der Lage waren, ihre wissenschaftsbasierten Klimaziele (engl. science-based targets) zu übermitteln und zu verifizieren. In einigen Fällen zeugt dies von unzureichenden Maßnahmen; gleichzeitig zeigt es aber auch, dass selbst engagierte Unternehmen, die den anspruchsvollen Prozess der Festlegung ambitionierter Ziele im Rahmen der SBTi durchlaufen, nach wie vor erhebliche Schwierigkeiten bezüglich ihrer Scope 3-Ziele haben.


Es ist an der Zeit, dass wir einen ganzheitlicheren Blick auf den unternehmerischen Klimaschutz und Scope 3-Emissionen werfen. Sie stellen zweifellos eine große Herausforderung dar, und wir müssen dringend neue Technologien und Methoden zur Verringerung von Scope 3-Emissionen entwickeln. Als Zwischenlösung ist die Förderung von Klimaschutzprojekten durch den Erwerb von CO2-Zertifikaten eine wichtige Ergänzung zur Entwicklung und Umsetzung von technischen Dekarbonisierungs-Maßnahmen innerhalb der Wertschöpfungskette eines Unternehmens.


Angesichts der laufenden Diskussionen über verbesserte Integritäts- und Qualitätssicherungen auf Projektebene bin ich davon überzeugt, dass projektbasierte Klimaschutzmaßnahmen einen höheren Stellenwert im unternehmerischen Klimaschutz erhalten sollten. Wenn Unternehmen beispielsweise gezielte Maßnahmen zur Emissionsreduzierung ergreifen und den globalen Klimaschutz mit CO2-Zertifikaten im Umfang ihrer unvermeidbaren Scope 3-Emissionen unterstützen, können sie eine viel größere positive Wirkung erzielen, als wenn sie in diesem Bereich untätig bleiben. Für mich ist klar, dass beides in Kombination viel wirkungsvoller ist als nur eine dieser Maßnahmen.


Das Potenzial, das die SBTi-Leitlinien freisetzen könnten, ist enorm. In Anbetracht der derzeit desolaten Lage bei der Klimafinanzierung könnten dadurch mehr Finanzströme in wirkungsvolle Projekte gelenkt werden, die den globalen Süden bei der Bekämpfung des Klimawandels und Klimaanpassung unterstützen. Für Unternehmen könnten die Richtlinien Klarheit darüber schaffen, wie sie CO2-Zertifikate am besten im Einklang mit den Erkenntnissen der Klimaforschung einsetzen, und wo sich möglicherweise neue Ansätze für ihre Scope 3-Ziele ergeben.


Die Rolle von CO2-Zertifikaten


Ich bin mir über die Vorbehalte gegenüber dem Einsatz von CO2-Zertifikaten im Klaren. Die Kritik an ihnen endet jedoch in der Regel mit demselben ermüdenden Argument: Unternehmen nutzen CO2-Zertifikate als Anreiz, um keine weiteren Dekarbonisierungs-Maßnahmen durchzuführen.


Dies mag in einigen Fällen zutreffen – es gibt jedoch Belege dafür, dass das Gegenteil der Realität näherkommt. Unternehmen, die sich im freiwilligen CO2-Markt engagieren, haben eine 1,8-mal höhere Tendenz dazu, ihre Dekarbonisierung von Jahr zu Jahr voranzutreiben.


Die fortwährende Kritik an CO2-Zertifikaten in den zurückliegenden Jahren und die daraus resultierende Debatte um die SBTi-Erklärung zeigen, dass es innerhalb der Klimabranche einen klaren Meinungsunterschied hinsichtlich CO2-Zertifikaten gibt. Trotz vieler Fortschritte und eines gesunden Dialogs über die Integrität von CO2-Zertifikaten besteht die Gefahr, dass die Debatte in zwei gegensätzliche Lager zerfällt, obwohl wir uns eigentlich in der Mitte treffen sollten.


Die Welt steuert derzeit auf eine Erwärmung um 3,0° C zu – der derzeitige Mangel an geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung von Scope 3-Emissionen ist angesichts dessen nicht nur besorgniserregend, sondern vielmehr schockierend.


Wir müssen an unseren Werten festhalten, ohne den Blick für das große Ganze zu verlieren. Ich hoffe immer noch auf den Tag, an dem wir keine CO2-Zertifikate mehr brauchen, um wirkungsvolle Projekte zu fördern, weil uns die Dekarbonisierung gelungen ist.

Dieser Tag ist aber noch fern. Wir müssen alle verfügbaren Instrumente nutzen, auch CO2-Zertifikate, um diesen Tag für die nachfolgenden Generationen zu ermöglichen.


Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Unternehmen Klarheit darüber gewinnen, wann sie CO2-Zertifikate effektiv und im Einklang mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nutzen können. Ich freue mich auf den Richtlinienentwurf, den die SBTi im Juli zur Verwendung von zertifikate-basierten Instrumenten für Scope 3 vorlegen wird, und hoffe, dass er den konkreten Bedarf an CO2-Zertifikaten berücksichtigt. 



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Mike Hatert, COO First Climate Markets AG

Über den Autor

Mike Hatert ist Chief Operating Officer und Mitglied des Vorstands des international tätigen Klimaschutzdienstleisters First Climate in Bad Vilbel. In dieser Funktion verantwortet er die gesamten Aktivitäten des Unternehmens in den Bereichen freiwilliges CO2-Management und Erneuerbare Energien. Mit seinem Team berät und unterstützt er Unternehmenskunden aus allen Branchen bei der Erreichung ihrer Klimaschutzziele. Der ausgewiesene Energiespezialist ist Diplom-Ingenieur, hochschulzertifizierter Energiewirtschaftsmanager und Energiemanager IHK. Mike Hatert verfügt über mehr als 15 Jahre Berufserfahrung in der Energiebranche sowie im Bereich des freiwilligen CO2-Marktes. Vor seiner Zeit bei First Climate war er in Manager- und Führungspositionen unter anderem bei der Deutschen Bahn sowie dem Energieversorger ENTEGA tätig.




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