Risikomanagement in REDD+ und Aufforstungsprojekten

Die Zahl der Waldbrände im Amazonas-Gebiet lag in diesem Jahr teilweise deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Immer wieder gab es 2019 Berichte über ausgeprägte Feuerereignisse, die riesige Waldflächen in Brasilien, Bolivien und Paraguay vernichtet oder schwer beschädigt haben. Waldschutzprojekte von First Climate waren durch die Brände nicht betroffen. Dennoch stellt sich die Frage, wie im Rahmen von zertifizierten Klimaschutzprojekten der Gefahr von Waldbränden begegnet werden kann. Ein Gespräch zum Risikomanagement in Waldschutz- und Aufforstungsprojekten mit First Climate-Experte Jacob Bourgeois.

„Wir arbeiten mit einer ganzen Reihe von Waldschutz- und Aufforstungsprojekten in der Amazonasregion zusammen, von denen einige auch in den von den Feuern besonders betroffenen brasilianischen Bundesstaaten Mato Grosso, Pará, Rodônia und Amazonas angesiedelt sind“, erklärt Jacob Bourgeois, Seniorberater bei First Climate. Glücklicherweise, seien auch bei diesen Projekten weder das direkte Projektgebiet, noch die nähere Umgebung von den Waldbränden in diesem Jahr in Mitleidenschaft gezogen worden. Dennoch sieht der Experte Hinweise darauf, dass sich die Situation vor Ort verändert und das Risiko feuerbedingter Waldzerstörungen in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit steigen werde.

Hintergrund: Waldbrände und tropische Regenwälder
„Tropische Regenwälder wie die der Amazonas-Region sind aufgrund der dort herrschenden klimatischen Bedingungen grundsätzlich nicht besonders anfällig für ausgeprägte Waldbrände“, berichtet Jacob Bourgeois. Langanhaltende und ausgeprägte Dürreperioden, wie sie auch im Amazonas in den vergangenen Jahren immer häufiger aufgetreten sind, lassen das Waldbrandrisiko aber auch dort ansteigen. „Das Risiko wächst mit jedem Baum, der fällt“, so Bourgeois. „Wo das Blätterdach durch Holzeinschlag aufgebrochen wird, verliert der Wald seinen natürlichen Schutzmantel. Die Lichtung trocknet aus und bietet möglichen Feuern Nahrung und Angriffsfläche.“

Auch die First Climate-Projektpartner vor Ort berichten, dass die auftretenden Feuer vor allem Gebiete betreffen, die bereits zuvor teilweise oder vollständig abgeholzt wurden und nur selten unberührte Waldareale. Vor diesem Hintergrund ist das Risiko, geschützte Waldflächen, die als CO2-Speicher dienen, durch Waldbrände zu verlieren, als eher gering einzuschätzen. Dennoch stellt sich die Frage, wie aktives Risikomanagement in Waldschutz- und Aufforstungsprojekten gewährleistet werden kann.

Drei Fragen zur CO2-Kompensation durch Waldschutzmaßnahmen an First Climate-Experten Jakob Bourgeois

Jacob Bourgeois
Senior Consultant

Jacob Bourgeois berät bei First Climate Unternehmen unter anderem bei der Entwicklung und Umsetzung von Grünstrom-Strategien sowie bei der Einführung von Emissions-Reduktionsprogrammen. Er ist außerdem Ansprechpartner für die Themen Projektentwicklung und Einführung wissenschaftsbasierter Klimaziele.
Bevor er als Senior Consultant zu First Climate kam, sammelte Jacob Bourgeois als Program Officer für den Landnutzungs- und Forstsektor des Gold Standard Erfahrungen im Bereich der Projekt-Zertifizierung.

Der Kern von Wald-basierten Emissionsminderungsprojekten ist stets die Permanenz. Die CO2-Sequestrierung bzw. der Schutz der entsprechenden Waldflächen müssen über Jahrzehnte hinaus sicher gewährleistet sein. Wie schlägt sich dieses Kriterium in der Entwicklung der entsprechenden Projekte nieder?

Jacob Bourgeois: Alle entsprechenden Projekte müssen im Rahmen ihrer Zertifizierung eine strenge Risikobewertung durchlaufen, bei der potenzielle standortspezifische Risikofaktoren für den Waldbestand und mögliche Schadszenarien genau beleuchtet werden. Dazu zählen beispielsweise politische Risiken, Naturkatastrophen, zunehmender wirtschaftlicher Druck und auch das Risiko des Bestandsverlusts durch Waldbrände.

Alle diese Risiken müssen vom Auditor vor Ort aufgrund der Vorgaben des maßgeblichen Standards geprüft und bewertet werden. Im Rahmen der Auditierung müssen die Projekte außerdem einen geeigneten Plan für das Management der entsprechenden Risiken nachweisen. Dazu gehört in aller Regel auch die Entwicklung und Umsetzung geeigneter Brandschutzmaßnahmen.

 

Wie kann Risiken – wie beispielsweise Naturkatastrophen – begegnet werden, die sich dem Einfluss der Projektentwickler entziehen?

Jacob Bourgeois: Um diese Risiken abzudecken, müssen alle weltweit nach demselben Standard registrierten Waldschutzprojekte einen Teil der von ihnen ausgegebenen Emissionsminderungszertifikate in einen Permanenz-Risikopufferpool einbringen. Dabei handelt es sich um eine Art Reservekonto für Zertifikate, die nicht gehandelt werden dürfen und nur bei Verlusten des Baumbestands – beispielsweise nach Stürmen oder Feuern – stillgelegt werden, um die Substanzverluste zu kompensieren. Je nach individuellem Risikoprofil müssen einzelne Projekte einen höheren oder niedrigeren Anteil der von ihnen ausgeschütteten Zertifikate in den globalen Risikopuffer einbringen.

 

Was geschieht mit ausgegebenen Emissionsminderungszertifikaten, wenn das Waldschutzgebiet, aus dem es stammt, nachträglich durch Naturkatastrophen beschädigt oder zerstört wurde?

Jacob Bourgeois: Ein einmal ausgegebenes Emissionsminderungszertifikat behält in jedem Fall seine Gültigkeit, auch dann, wenn das Projekt, aus dem es stammt, das Permanenz-Kriterium nicht erfüllen kann. In diesem Fall, wird eine äquivalente Anzahl von Emissionsminderungsnachweisen aus dem globalen Risikopuffer entnommen und stillgelegt, sodass die Klimaschutzwirkung der ausgegebenen Zertifikate und mit ihm die Ansprüche der Käufer auf jeden Fall und zu jeder Zeit gewährleistet sind.

Aus Sicht des globalen Klimaschutzes ist es nicht entscheidend, wie die Entwicklung eines einzelnen Baumes oder auch eines Hektars Waldgebiet im Zeitverlauf aussieht. Wichtig ist allein, dass der Gesamtbestand bewaldeter Flächen, die im Rahmen der Projekte geschützt sind, im Zeitverlauf konstant bleibt oder anwächst. Der globale Risikopuffer dient dabei als Versicherung gegen lokal auftretende Schad- oder Verlustereignisse. In den wenigsten Fällen wird ein Waldschutzprojekt allerdings durch auftretende Naturkatastrophen gleich vollständig zerstört werden. Deutlich wahrscheinlicher sind Teilverluste durch Schädigung einzelner Projektareale. In diesen Fällen können die Folgen für den Klimaschutz in der Regel durch projekteigene Pufferzertifikate ausgeglichen werden, ohne dass auf projektfremde Zertifikate zurückgegriffen werden muss.