Was uns der Umgang mit der aktuellen Gesundheitskrise über den Kampf gegen den Klimawandel verrät: Ein Gespräch mit First Climate CEO, Dr. Jochen Gassner

Schon kurz nach Beginn der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen in vielen Teilen der Welt gab es erste Meldungen über die vermeintlich positiven Umwelteffekte der Krise: Klares Wasser in den Lagunen Venedigs, saubere Luft in chinesischen Ballungsregionen und sinkende Treibhausgasemissionen in Europa. Ist die Gesundheitskrise also der erste Schritt hinaus aus der Klimakrise? Nein, sagt Dr. Jochen Gassner, Geschäftsführer des international tätigen Klimaschutzdienstleisters First Climate. Gleichwohl zeige der Umgang mit Covid-19, wie viel durch entschlossenes Handeln auch beim Klimaschutz erreicht werden könne.

Dr. Jochen Gassner
CEO, First Climate Markets AG

Jochen Gassner arbeitet seit mehr als 11 Jahren für First Climate und verantwortet im Unternehmen die Geschäftsaktivitäten im Bereich freiwilliger Klimaschutz und erneuerbare Energien. Seit 2008 gehört er dem Exekutivkomitee der International Carbon Reduction and Offset Alliance (ICROA) an.

Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Umwelt- und CO2-Management sowie über 15 Jahre Erfahrung in der Entwicklung und Anwendung marktbasierter Klimaschutzinstrumente.

Die Corona-Krise lässt auch in Deutschland die CO2-Emissionen sinken. Die schon sicher verfehlt geglaubten Klimaziele 2020 der Bundesregierung scheinen plötzlich wieder erreichbar. Verhilft uns das Virus jetzt zum Durchbruch in Sachen Klimaschutz?

Gassner: Isoliert betrachtet, sind sinkende CO2-Werte aus Sicht des Klimaschutzes natürlich zu begrüßen. Einen wirklichen Anlass zur Freude sehe ich darin unter den gegebenen Umständen allerdings nicht. Die vermeintlichen Erfolge sind für die Welt maximal teuer erkauft – mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung und leider auch mit viel persönlichem Leid. Langfristig wird uns Corona beim Klimaschutz nicht weiterhelfen.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Gassner: Wir haben es bei der Corona-Pandemie und dem globalen Klimawandel mit sehr unterschiedlichen Krisen zu tun, die deshalb auch nach sehr verschiedenen Arten des Krisenmanagements verlangen. Die primäre Strategie zur Lösung der Corona-Krise ist kurzfristig angelegt und zielt darauf ab, das Katastrophenpotenzial der Epidemie möglichst zu minimieren. Beim Klimaschutz geht es hingegen um eine langfristige Veränderung der Art, wie wir Verantwortung für unsere Umwelt und unser Handeln übernehmen.

Wir haben bereits während und nach der Finanzkrise 2008 beobachtet, dass die Treibhausgasemissionen international deutlich zurückgegangen sind. Aber das waren kurzfristige Effekte, die nach der wirtschaftlichen Erholung schnell aufgezehrt waren. Ein, zwei Jahre nach der Talsohle lagen die Emissionen wieder auf dem auf dem Vor-Krisen-Niveau und in vielen Bereichen sogar darüber. Das Herunterfahren der internationalen Wirtschaftssysteme kann nicht die Lösung für unsere Klimaprobleme sein. Stattdessen brauchen wir eine schnell wirksame, langfristig angelegte Strategie für die Dekarbonisierung unseres Wirtschaftssystems, die Ökonomie und Ökologie vereint.

Ist das nicht eine etwas realitätsferne Forderung?

Gassner: Keineswegs. Diese Forderung ist sehr aktuell und wird unter anderem auch von der Politik aufgegriffen. Denken Sie beispielsweise an den Green Deal, den die EU-Kommission vorgestellt hat. Und auch in Deutschland wird derzeit darüber diskutiert, wie sich Krisen- und Wirtschaftshilfen mit der Förderung von Klimaschutzmaßnahmen verbinden lassen. Darin liegt aus meiner Sicht eine große Chance.

Appelle für mehr Klimaschutz kommen übrigens immer öfter auch aus der Wirtschaft selbst. Zuletzt haben anlässlich des Beginns des Petersberger Klimadialogs 68 große deutsche Unternehmen aus allen Branchen einen Aufruf der Stiftung 2° für ein Klima-Konjunkturprogramm unterstützt. Viele der Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, gehen dabei sogar noch einen Schritt weiter. Sie haben sich aus eigener Initiative heraus sehr anspruchsvolle Klimaziele auferlegt und gemeinsam mit uns Strategien erarbeitet, mit denen die gesetzten Klimaziele erreicht werden können.

Welche Rolle spielt dabei die CO2-Kompensation?

Gassner: Die CO2-Kompensation kann einen Beitrag dazu leisten, die Konzentration anthropogener Treibhausgase in der Atmosphäre konstant zu halten und damit einen Beitrag zur Erreichung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu leisten. Sie ist eines von mehreren Instrumenten mit deren Hilfe sich anspruchsvolle Klimaschutzstrategien auf Unternehmenseben umsetzen lassen. Die Einführung von Energieeffizienzmaßnahmen, die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, wo immer das sinnvoll möglich ist, und eine offene und transparente Kommunikation sind weitere Instrumente, die dem gleichen Zweck dienen. Insbesondere in Industriezweigen bzw. in Bereichen, in denen substanzielle Reduktionen der Treibhausgasemissionen mit anderen Mitteln nicht kurzfristig zu erreichen sind, ist die CO2-Kompensation ein sehr effektives Instrument – beispielsweise im Bereich Transport und Mobilität.

Mittel- und langfristig können nur neue, CO2-arme Technologien bzw. Energieträger einen echten Durchbruch bringen – also in Bezug auf die genannten Bereiche beispielsweise die Erzeugung und der Einsatz, klimaneutraler Kraft- und Brennstoffe. Solange diese Technologogien noch nicht im benötigten Umfang zur Verfügung stehen, können Unternehmen übergangsweise durch die CO2-Kompensation jedoch schon heute einen schnell wirksamen und effizienten Beitrag zum Klimaschutz leisten. Darüber hinaus werden wir aber auch verstärkt Verfahren zum Einsatz bringen müssen, um der Atmosphäre aktiv CO2 zu entziehen.

Noch einmal zurück zum Thema Corona: Es gibt also keine Lektionen, die wir im Hinblick auf den Klimaschutz aus der Pandemie ziehen können?

Gassner: Corona hat deutlich gemacht, wie verletzlich unsere Wirtschaft ist und wie wichtig es ist, frühzeitig durch geeignete Maßnahmen die Widerstandskraft unserer Wirtschaftssysteme durch effektives Risikomanagement zu stärken. Der Vorteil ist, dass wir beim Klimaschutz trotz allem etwas mehr Zeit haben, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und dass diese dadurch weniger drastisch ausfallen können als derzeit beim Thema Corona. Ein „Klima-Shutdown“ ist deshalb vermeidbar. Nur dürfen wir die Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen – wir müssen jetzt handeln.

Am Ende können in einer global vernetzten Welt sowohl die Corona- wie auch die Klimakrise nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden. Gleichwohl hat uns der Umgang mit der aktuellen Pandemie gezeigt, dass Länder, die schnell und beherzt gehandelt haben, die Ausbreitung der Krankheit in vielen Fällen erfolgreich begrenzen konnten. Vielleicht lässt sich diese Erkenntnis übertragen: Warum sollten einzelne Akteure nicht auch beim Klimaschutz beherzt vorangehen können? Die Pandemie hat uns gezeigt, dass es wir in der Lage sind, Antworten auf globale Krisen zu finden. Das sollte uns Mut machen und das sollte uns auch ein Ansporn sein.

Klar ist, wir müssen groß denken und Klimaschutz wird nicht zum Nulltarif zu haben sein. Wir sprechen von einer Generationenaufgabe. Gleichwohl dürfen die notwendigen Investitionen in den Klimaschutz nicht verzögert werden. Wer jetzt glaubt, dass kurzfristiges Wachstum Vorrang hat vor dem Klimaschutz, wird in Zukunft umso stärker betroffen sein.

Sie sprechen hier von dem Beitrag der Wirtschaft zur Lösung der Klimakrise?

Gassner: Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aus unserer bisherigen Erfahrung wissen wir, dass staatliche bzw. staatlich verordnete Maßnahmen alleine nicht ausreichen werden, um den Klimawandel zu stoppen. Freiwilliges Engagement – insbesondere im Bereich der Wirtschaft – macht in Bezug auf den Klimaschutz einen wichtigen Unterschied. Die öffentliche Diskussion zeigt uns, dass genau dieses freiwillige Engagement in immer stärkerem Maße erwartet wird. Kein Unternehmen und keine Branche wird es sich mittelfristig leisten können, beim Thema Klimaschutz im Abseits zu stehen.

Was können Unternehmen jetzt konkret tun, um sich auf den Klimawandel vorzubereiten und den damit verbundenen Risiken zu begegnen?

Gassner: Noch bis vor wenigen Wochen war der Klimaschutz – auch getrieben durch die öffentliche Diskussion – in vielen Unternehmen ein Thema mit hoher Priorität. Klimaschutz war Chefsache. Bei allem wirtschaftlichen Druck und auch angesichts der hohen persönlichen Betroffenheit vieler Menschen, müssen wir jetzt darauf achten, dass die Pandemie nicht alles überlagert und wir dadurch dringend benötigte Zeit im Kampf gegen den Klimawandel verlieren. Was es jetzt braucht, ist ein Doppelkrisenmanagement, das es uns erlaubt, mit der Pandemie umzugehen, ohne den Klimaschutz zu vernachlässigen. Die Corona- und die Klimakrise müssen gleichzeitig, aber unabhängig voneinander gelöst werden.

Konkret bedeutet das, dass Unternehmen – sofern das nicht bereits geschehen ist – sich zunächst ein ambitioniertes Klimaziel setzen sollten – und zwar am besten in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der Science Based Targets Initiative. Im zweiten Schritt geht es dann darum, eine kurz-, mittel- und langfristige Klimaschutzstrategie zu entwickeln, die sich auf alle Emissionen bezieht, die dem eigenen Unternehmen zuzurechnen sind. Dabei sollten auch Konzepte für das Management der CO2-Emissionen in den vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsketten sowie für die bedarfsgerechte Beschaffung von erneuerbaren Energien erarbeitet werden.

Beim CO2-Management haben viele unserer Kunden den Wunsch, zusätzlich zum Erwerb von Emissionsminderungen aus bestehenden Projekten auch eigene Klimaschutzprojekte zu entwickeln. Dafür ist allerdings ein gewisser zeitlicher Vorlauf erforderlich. Entsprechende Maßnahmen sollten deshalb bereits jetzt aktiv vorgeplant werden. Bis zur Umsetzung des eigenen Projekts können Emissionsminderungen übergangsweise über den Markt beschafft werden. Mit der Konkretisierung eines entsprechenden Handlungsplans sind Unternehmen dann sehr gut vorbereitet, um den Herausforderungen der Klimakrise zu begegnen und einen erfolgreichen Beitrag zu ihrer Lösung zu leisten.