Der Handel mit Verschmutzungsrechten galt lange Zeit als großer Wettbewerbsnachteil. Doch in der Krise erweist sich Zertifikatemarkt als hochwillkommene Geldquelle. Eine Papierfabrik in Schwaben finanzierte sich so sogar so durch die Insolvenz.
Einige deutsche Industrieunternehmen verkaufen im Zuge des weltweiten Abschwungs ihre CO2-Verschmutzungsrechte - um kurzfristig an Bargeld zu kommen oder weil sie ihre Produktion zurückfahren. Das ergab eine FTD.de-Umfrage unter mittelständischen Firmen.
Seit 2005 gibt es den europäischen Emissionsrechtehandel. Dabei erhalten Unternehmen der Energie- und Industriebranche Zertifikate nach Maßgabe ihrer Kohlenstoffdioxidemissionen. Der Grundsatz: Sie dürfen nur soviel Treibhausgas ausstoßen, wie sie Zertifikate haben. Ist ihr Bestand an Rechten zu gering, müssen sie auf dem Markt zukaufen oder energieeffizienter werden. Bislang galt der Emissionshandel als Belastung für die Industrie. Doch in der Krisenzeit erweist sich der Klimaschutz als willkommene Geldquelle.
Inzwischen läuft die zweite Handelsperiode, die bis 2012 reicht. Im November erhielten die deutschen Unternehmen ihre Zertifikate für die neue Periode 2009. Abgerechnet wird die Handelsperiode 2008 am 30. April 2009. Dann überprüft die Deutsche Emissionshandelsstelle, ob genügend Rechte im Register sind. Wenn eine Unterdeckung vorliegt, wird eine Strafe von 100 Euro je Tonne CO2 erhoben. Nach dem neuen Zuteilungsplan sind aber insbesondere Industriefirmen und kleine Emittenten, die weniger als 25.000 Tonnen jährlich ausstoßen, üppig mit Verschmutzungsrechten ausgestattet.
Papierfabrik Scheufelen brauchte Cash in der Insolvenz
Dass derzeit mehr verkauft als gekauft wird, sieht man an den Marktpreisen. Derzeit kostet die Tonne CO2 nur knapp 13 Euro. Zum Vergleich: Mitte Juli hatten die Notierungen bei 31 Euro gelegen. "Die brutale Verlangsamung der Industrieaktivität und der trübe Ausblick für die Weltwirtschaft haben jeglichen Kaufzwang aus dem Markt genommen", sagt Emmanuel Fages, Analyst bei Société Générale. "Die Ansicht überwiegt, dass es derzeit keine Knappheit gibt."
Mark Lewis, Analyst bei der Deutschen Bank, rechnet damit, dass bald das Allzeittief von 11,8 Euro angetestet werden könnte: "Die Unternehmen brauchen Bargeld. Sie suchen Wege, ihre Zertifikate zu Geld zu machen."
Bestes Beispiel dafür ist die Papierfabrik Scheufelen aus dem Lenninger Tal in Schwaben. Das 1855 gegründete Traditionsunternehmen meldete am 17. Juli 2008 Insolvenz an. Da sich die Suche nach einem Investor hinzog, verkaufte es im Dezember einen großen Teil seiner CO2-Zertifikate - zu einem Preis von 15 Euro.
"Wir hätten natürlich gerne einen höheren Preis erzielt. Doch damit konnten wir unsere Liquidität sichern", sagt Andreas Scheuerle, bei Scheufelen zuständig für Emissionsrechte. Allerdings hätte es auch Spielraum gegeben: Wegen kurzzeitiger Stillegungen verfügte man 2008 über mehr Rechte als benötigt und verkaufte den Überschuss. Im Januar übernahm das finnische Unternehmen Powerflute die schwäbische Papierfabrik, womit der Fortbestand des Unternehmens für erste gesichert war.
Ebenfalls zu den Verkäufern gehört Lyondell Basell. Der drittgrößte Chemiekonzern der Welt beantragte vor kurzem Gläubigerschutz für sein US-Geschäft. Mit eingeschlossen ist auch die deutsche Tochter Basell Germany Holding, um ihr Zugang zu Restrukturierungsmitteln zu ermöglichen. Der Betrieb an den deutschen Standorten wird jedoch fortgesetzt.
"Ja, wir haben Emissionsrechte verkauft und werden dies auch weiterhin tun, wenn dies ökonomisch Sinn macht", sagt ein Sprecher auf Anfrage. Der Zeitpunkt der Verkäufe ist schwierig zu bestimmen. Lyondell Basell sehe sich nicht in der Lage, "eine auch nur einigermaßen zuverlässige Einschätzung der Preisentwicklung abzugeben": "Anfang 2008 waren wir noch der Überzeugung, dass die Preise weiter ansteigen würden. Aber diese Erwartung haben wir heute nicht mehr", sagt der Sprecher.
Häufig sind Produktionskürzungen ein Motiv für einen Verkauf der Verschmutzungsrechte. Neenah Gessner GmbH, ein mittelständischer Papierhersteller im oberbayerischen Bruckmühl, plant nach eigenen Angaben "zeitnah" den Verkauf von rund vier Prozent seiner Verschmutzungsrechte. Der Grund: Die erste Hälfte des Verkaufs sei der rückläufigen Produktion, die zweite einer höheren Energieeffizienz geschuldet.
Andere Firmen verfügen zwar über einen Überschuss an Zertifikaten, halten sich aber angesichts des tiefen Preises zurück. Das Chemieunternehmen Ineos Vinyls in Wilhemshaven ist nach eigenen Angaben "long", will aber die weitere Entwicklung abwarten. Ähnlich denkt Cordier Spezialpapier aus Bad Dürkheim. "Wir sind gut ausgestattet und denken sogar darüber nach, Zertifikate anzusparen", teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.
Abwarten und zukaufen ist die beste Strategie
Da die Zertifikate nicht verfallen und in die 2013 dritte Handelsperiode mitgenommen werden können, könnte das Stillhalten bei einem Anstieg des CO2-Preises eine lohnenswerte Strategie sein, meinen Analysten. "Kurzfristig können Unternehmen gezwungen sein, Zertifikate zu verkaufen, um ihre Liquidität zu sichern. Wer aber in einer komfortablen Situation ist, sollte mit dem Verkauf lieber warten", sagt Dennis Mignon, Leiter Handel beim Emissionshandelsdienstleister First Climate in Bad Vilbel. "Denn je näher die dritte Handelsphase rückt, desto größer wird die Knappheit im Markt. Warten beziehungsweise sogar zukaufen wäre aus unserer Sicht die beste Strategie." Noch den vollen Bestand halten nach eigener Auskunft der Porzellanhersteller Villeroy & Boch und das Stahlwerk Dillinger Hütte.
Es gibt auch allerdings auch Industriefirmen, die momentan Zertifikate zukaufen - zum Beispiel dann, wenn die Produktionskapazitäten aufgestockt werden. Der mittelständische Papierhersteller Mitsubishi HiTec Paper Flensburg deckt sich nach eigenen Angaben zusätzlich mit Verschmutzungsrechten ein. Nötig mache dies der Bau einer größeren Produktionsanlage.
Source: Financial Times Deutschland

