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First Climate in VDI Nachrichten: "Die Wirtschaftskrise spüren wir nicht"

Klimaschutz: Industriestaaten investieren in Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern und bekommen im Gegenzug Emissionsgutschriften - das ist die Idee hinter dem Clean Development Mechanism, kurz CDM. CDM ist erfolgreich, doch die Praxis ist umstritten. VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 5. 09, swe
Düsseldorf, May 22, 2009


Der CDM ist in den letzten Jahren ziemlich in der Kritik gewesen", weiß Wolfgang Seidel, Fachgebietsleiter bei der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) in Berlin. Seidel ist bei der DEHSt zuständig für die Kyoto- Mechanismen CDM (Clean Development Mechanism) und JI (Joint Implementation).

CDM-Projekte sind, global betrachtet, immer ein Nullsummenspiel: Die Zertifikate für die vermiedenen Emissionen in den Schwellen- und Entwicklungsländern werden von den Industriestaaten oder emissionshandelspflichtigen Unternehmen zur Abdeckung ihrer tatsächlichen Emissionen genutzt. CDM-Experte Seidel weiß, wo es zwickt: " Hauptkritikpunkt ist, dass Projekte, die sowieso realisiert worden wären, zusätzlich noch über den CDM mit Emissionszertifikaten vergütet worden sind." Die von Seidel beschriebenen "Business-as- usual"-Projekte wären für den globalen Klimaschutz sogar ein Nachteil.

Daher gibt es ein Kriterium, das solche Mitnahmeeffekte vermeiden soll, die "Zusätzlichkeit": Es ist erforderlich, dass das Projekt nur deshalb stattfindet, weil es die zusätzlichen Erlöse aus den Zertifikaten gibt. Ein schwieriges Kriterium, weiß Seidel: "Die Prüfung der Zusätzlichkeit ist anspruchsvoll, da sie auch auf hypothetischen Erwägungen beruht und deshalb von Unsicherheiten gekennzeichnet ist." Ein typisches Beispiel für solche Business-as-usual-Projekte seien Wasserkraftwerke in China.

Was aus dem Klimaschutzinstrument CDM wird, ist daher auch Gegenstand der Klimaschutzverhandlungen Ende des Jahres in Kopenhagen. Dort soll möglichst ein neues internationales Klimaschutzabkommen unterschrieben werden. Es soll das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ablösen, von dem der CDM ein integraler Bestandteil ist.

EU-Umweltkommissar Stavros Dimas mahnte Anfang Mai in einer Rede an, die Staatengemeinschaft würde CDM gerne "substanziell überarbeitet" sehen. "Die EU-Position vor Kopenhagen geht dahin, den CDM in Schwerpunktsektoren wie Energieerzeugung, Zement und Stahl in den zurzeit großen CDM-Ländern wie China, Indien und Brasilien zu sektoralen Emissionshandelssystemen weiterzuentwickeln, bei denen ganze Sektoren einem bestimmten Minderungspfad unterworfen werden", erläutert DEHSt-Experte Wolfgang Seidel.

Die weniger entwickelten Länder, vor allem Afrika, haben bisher sehr wenig vom CDM profitiert. "Das soll sich ändern", sagt Seidel. Branchenteilnehmer im CDM-Projektgeschäft wie First Climate setzen daher jetzt schon auf Afrika. Die Projektmanager aus Bad Vilbel vereinbarten Anfang des Monats eine Zusammenarbeit mit der südafrikanischen Investmentgruppe Inspired Evolution. First Climate verspricht sich davon stärkere Wachstumsraten im CDM-Sektor in Afrika.

"Afrika hinkt noch hinter international üblichen CDM-Entwicklungsraten hinterher", erklärt Guy Baxter, Geschäftsführer von Inspired Evolution. Er sieht jedoch einen dramatisch steigenden Energiebedarf in der Region. Dabei habe Südafrika "ein riesiges Potenzial für die Nutzung erneuerbarer und sauberer Energien". Und das ließe sich sehr gut mit CDM-Projekten heben.

Seit Dienstag liegen auch beim UN-Klimaschutzbüro UNFCCC in Bonn zwei erste Papiere vor, die im Juni auf einer weiteren Konferenz im Vorfeld der Klimagespräche Anfang Dezember in Kopenhagen diskutiert werden sollen. Knackpunkt dürfte zum Beispiel die Einbeziehung der Kernenergie in den CDM sein. Ja oder Nein, das für CDM relevante Papier nennt beide Alternativen. Denn Staaten wie Südkorea setzen auf Nukleartechnik als Bestandteil ihrer Klimaschutzstrategie.

Immerhin scheint der CDM ein recht krisenfester Mechanismus zu sein. "Dass sich die Wirtschaftskrise auswirkt, spüren wir zurzeit noch nicht", sagt Wolfgang Seidel. "Inzwischen sind wir bei 173 CDM-Projekten." Nach bescheidenen Anfängen im Jahr 2006 sei die Zahl der CDM-Anträge sprunghaft angestiegen.

"Was sich anfängt auszuwirken, sind die eingeschränkten Nutzungspotenziale für die Zertifikate in der EU, speziell auch in Deutschland, in der Perspektive bis 2020", erklärt Seidel. Dies gehe zurück auf die EU-Regelungen für den Zertifikatehandel bis 2020. "Sie deckeln bis 2020 die Anzahl der Zertifikate aus CDM- und JI-Projekten, die Unternehmen im EU-Emissionshandel zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen einbringen können." STEPHAN W. EDER

Kooperationsmechanismen des Kyoto-Protokolls für den Klimaschutz

Kyoto-Protokoll: Erstes weltweites Klimaschutzabkommen, gültig bis 2012. Es enthält auch Mechanismen, die über eine internationale Zusammenarbeit von Staaten und Unternehmen den Klimaschutz fördern sollen.

Clean Development Mechanism: CDM ermöglicht es Industriestaaten, mit Projekten, die nachweislich eine Minderung von Treibhausgasen in Entwicklungsländern zur Folge haben, Emissionsgutschriften (Co2-Zertifikate) zu erwirtschaften. Ein Industrieland investiert in diese Projekte in einem Entwicklungsland.

Joint Implementation: JI ermöglicht es Industrieländern Emissionsgutschriften dadurch zu erhalten, dass sie in anderen Industriestaaten in Projekte investieren, die den Ausstoß von Treibhausgasen verringern.

Zertifikatehandel: Die durch CDM und JI erworbenen Zertifikate können international gehandelt werden. Vor allem können sie auch von den Unternehmen genutzt werden, die Emissionserlaubnisse im Rahmen des Emissionshandelssystems der EU (ETS: European Trading Scheme) erhalten. swe


Source: VDI Nachrichten, May 22, 2009

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