Die Rettung der angeschlagenen Citigroup sorgte nicht nur an den Aktienbörsen für Erholung. Auch CO2-Zertifikate wurden gestern mit einem merklichen Citi-Bonus gehandelt, der den Preis für das Recht zum Ausstoß einer Tonne des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) um 50 Cent oder gut 3% auf 15,50 Euro hob. Für die EUAs, die europäischen CO2-Rechte, war dieses Aufatmen das erste Plus seit langem. Denn seit dem Höchststand im Juni bei 29,33 Euro je EUA (fast gleichzeitig mit dem Rekordpreis beim Öl) kannten die CO2-Zertifikate - mit wenigen Unterbrechungen - nur eine Richtung: gen Süden bis auf 14,80 Euro.
Zwar gehen Analysten unisono davon aus, dass CO2 derzeit unterbewertet sei. Doch ebenso einer Meinung sind die Marktbeobachter darin, dass zumindest kurzfristig keine Erholung am Markt zu erwarten ist. "Alle handeln die Rezessionsstory", sagt Dennis Mignon, Händler beim Carbon-Asset-Manager First Climate. Und diese Story geht so: Weniger Wirtschaftswachstum heißt weniger Produktion und weniger Stromverbrauch, weswegen Industrie und Versorger weniger Schadstoffe ausstoßen, was wiederum den Bedarf an CO2-Zertifikaten drückt.
Anstieg erwartet
Da jedoch die CO2-Rechte zum Schutz der Umwelt immer knapper zugeteilt werden, muss irgendwann der Preis wieder steigen, ist sich Mignon sicher - der dennoch frühestens für Ende 2009 / Anfang 2010 wieder mit einem Anziehen der Notierungen auf über 20 Euro rechnet. Hinzu kommt als weiterer "bearischer Faktor", dass Marktakteure trotz des schlechten Preises Überschussmengen verkaufen, um zusätzliche Liquidität zu erlangen, heißt es im jüngsten CO2-Marktbriefing des Carbon-Solutions-Teams der Unicredit.
Da parallel mit dem Öl- auch der Gaspreis sinkt, liege der sogenannte "Switchlevel" zumindest bis Jahresende oberhalb der EUA-Preise mit Lieferung Dezember 2008. Damit werde die Verstromung von Kohle bevorzugt, schreibt das Carbon-Team weiter, womit der CO2-Preis tendenziell gestützt wird. Auf Sicht des Sommers 2009 gelte jedoch das Gegenteil - was die Nachfrage nach EUAs weiter drückt. Weswegen Mignon - wohl vergeblich, wie er einräumt - hofft, dass große Stromproduzenten angesichts des günstigen Preises einsteigen, um CO2-Zertifikate "auf Halde" zu kaufen. Denn bei den Versorgern, die wegen der knappen Zuteilung von CO2-Rechten unter erhöhtem Druck stehen, würden Preise von 20 Euro und mehr kalkuliert, womit die aktuellen Notierungen tatsächlich äußerst günstig wären. Doch die Stromer spekulieren nicht gerne, beobachtet der First Climate-Händler, weswegen RWE, Vattenfall & Co. auch künftig als Preisstabilisatoren ausfallen dürften.
"Alles wird zu Geld gemacht"
Umgekehrt zeige sich derzeit, dass der durch hohe Kraftwerkverfügbarkeiten niedrige Strompreis am deutschen Spotmarkt dafür sorge, dass die Stromkonzerne vermehrt als CO2-Verkäufer agieren, registrierte die Unicredit zuletzt. Und Banken, die noch vor wenigen Monaten als gewichtige Handelsteilnehmer auftraten, haben heute wahrlich andere Probleme: "Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird zu Geld gemacht", konstatiert Mignon.
Source: Börsen-Zeitung, 25 November 2008, p. 18

