Von Ulli Gericke, Berlin
Börsen-Zeitung, 4.12.2009 750 Mrd. Tonnen Kohlendioxid (CO2) sind das Limit. Nur wenn die globalen CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 unter diesem Wert bleiben, gibt es eine realistische Chance, die Erwärmung der Welt auf 2 Grad Celsius zu begrenzen, ermittelten Wissenschaftler, darunter das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Wärme sich die Atmosphäre stärker auf, seien die Folgen nicht mehr zu kontrollieren - Überschwemmungen bedrohen ganze Landstriche, Wirbelstürme nehmen überhand, Wüsten dehnen sich noch schneller aus als heute schon, Kriege drohen wegen der Knappheit an Wasser. Mit den 750 Mrd. Tonnen CO2 ist eine Maßeinheit geschaffen, an der sich die Klimakonferenz in Kopenhagen in der kommenden Woche messen lassen muss. Wirtschaften die Länder weltweit weiter wie bisher, ist der Point of no Return in weniger als 30 Jahren überschritten, warnt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts. Um das knappe Gut saubere Luft zu bepreisen, schuf die Weltgemeinschaft vor nunmehr gut zehn Jahren im japanischen Kyoto eine Klimakonvention, die den Grundstock legte für den CO2-Emissionshandel. Damit sollte gewährleistet werden, dass die notwendigen Schadstoffreduzierungen so preiswert wie möglich erfolgen können - sei es durch technische Innovationen oder durch den Kauf von CO2- Zertifikaten, die zum Ausstoß von je 1 Tonne Kohlendioxid berechtigen.
Ausnahmen von Ausnahmen
So weit die öko-grüne Theorie. In der grauen Praxis funktioniert dieses streng ökonomische Modell freilich nur, wenn die weltweite Verschmutzung auch weltweit bekämpft wird - und sei es nur durch die globale Akzeptanz des CO2-Handels. Tatsächlich sind die Klimaschutzregularien aber nur in Europa eingeführt worden - weshalb sich ganze Industriebranchen wie etwa die Zement-, Chemie- oder Aluminiumindustrie grob benachteiligt sehen. Die Folgen sind Ausnahmen für besonders stark durch Produktionsverlagerung gefährdete Sektoren. Droht etwa der Exodus der gesamten europäischen Zementindustrie gen Asien oder Amerika, weil dort keine kostentreibenden CO2-Rechte ersteigert werden müssen, kommen die Konzerne auf eine sogenannte Carbon-Leakage-Liste. Die Aluminiumindustrie erlebt dabei gerade, dass für sie eine Ausnahme von der Ausnahme gemacht wird, sie also - nach derzeitigem Erkenntnisstand - von der Freistellung von der ab 2013 kommenden CO2-Auktionierung wieder „befreit“ wurde. Summa summarum fallen in Europa lediglich 12 000 Anlagen unter den EU-Emissionshandel, davon 1 800 in Deutschland. Erfasst werden dabei Versorger und (mit Ausnahmen) energieintensive Firmen. Weltweit entfallen auf diese Bereiche gerade einmal 45 % der Treibhausgas-Emissionen. Der große unregulierte Rest kommt aus der Land- und Forstwirtschaft, wird beim Heizen der Wohnung erzeugt oder wabert aus dem Auspuff von Autos. Bereiche, die nur mit strengen staatlichen Vorgaben, wie etwa einem maximalen CO2-Ausstoß je gefahrenen Auto-Kilometer, gemindert werden können.
CO2 und Windfall Profits
Dabei zeigt die Autoindustrie, wie segensreich einstmals verteufelte Klimaschutzvorgaben sein können. Jahrelang haben die Konzerne gegen vermeintlich zu scharfe Verbrauchswerte aus Brüssel gekämpft - bis die Explosion der Ölpreise im vergangenen Sommer dazu führte, dass sparsame Autos zu Verkaufsschlagern wurden, während Spritschleudern keinen Absatz mehr fanden. Diese Erfahrung offenbart aber auch, dass die Vorgaben nicht hoch genug sein können, um Wirkung zu zeigen. Ein CO2 -Preis von aktuell gut 13 Euro reicht jedoch nicht, um Änderungen zu bewirken - zumal große Mengen der zugestandenen Zertifikate auch noch kostenlos zugeteilt werden. Lediglich der kleine Rest wird von der KfW verkauft, wobei sich diese Volumina angesichts des niedrigen Preisniveaus „so anfühlen, als ob sie kostenlos verteilt würden“, urteilt ein Marktbeobachter. Kein Zweifel, die Wirtschaftskrise mit ihren stillgelegten Produktionsstraßen hat die erhoffte Knappheit an CO2-Rechten in ein Überangebot verwandelt. Einziger Vorteil: Auch die Windfall Profits der Versorger, die die Kosten der CO2-Zertifikate flott in ihre Strompreise eingearbeitet haben, obwohl sie die Emissionsrechte lange Zeit komplett, inzwischen größtenteils kostenlos erhalten haben, fallen niedriger aus.
Preis bleibt zu niedrig
Für die gesamte aktuelle Handelsperiode bis 2012 erwarten fast alle Analysten wegen der lähmenden Wirtschaftkrise keine nennenswerte Knappheit. Aber auch für die danach folgenden Jahre bis 2020 prognostiziert Stefan Kleeberg, Vorstand des „Carbon Asset Manager“ First Climate Markets, nur unter Sonderbedingungen Preise für CO2-Zertifikate von über 40 Euro - zu wenig, um die von den Stromversorgern gepushte Kohlendioxid-Abscheidung und -Lagerung (CCS) überhaupt rentabel darstellen zu können. Der notwendige technische Fortschritt benötigt also strengere Vorgaben, als sie bislang gemacht werden, weil ohne CCS das globale Guthabenkonto von 750 Mrd. Tonnen CO2 viel zu schnell geplündert wäre.
Source: www.boersen-zeitung.de

